Kommentar: DFB und RTL – Der 100 Mio. Deal

Dortmund/Köln – Für viele Fußball-Fans war es der Supergau: Sie mussten auf den Kölner Privatsender RTL schalten, um das Qualifikationsspiel Deutschland – Schottland im TV zu sehen. RTL. Die Heimat der Bohlens und Pochers. Auf Twitter machte sich schon im Vorfeld relativ viel Ekel breit, aber ein Fußballfan ist leidensfähig. Verwöhnt von epochalen Berichten auf ARD und ZDF zu Zeiten der WM, angetan von der riesigen Kompetenz einer Müller-Hohenstein und den Eiern von Olli Kahn. Aber war das wirklich so schlimm? Ein Kommentar …

RTL ist eher dafür bekannt, Live-Events bei der Formel 1 oder Boxen gnadenlos durch Werbung zu zerstückeln und zu massakrieren. Sport ist Nebensache, Werbung bringt Geld. Nach stundenlangem Vorgeplänkel direkt nach der F1-Übertragung wurde die Zeit mit Dokus, Infos und Interviews rund um die Weltmeister-Truppe und ihren Trainer gestreckt. Alles schon 1000x gesehen, aber dann doch nicht nervig. Besser als Bauer sucht Frau oder irgendwelche gescripteten „Reality-Dokus“. In diesem Zusammenhang fand ich lustig, das Stammseher des Senders nie gemotzt haben, wenn solche Programme nicht in HD gesehen werden können, sich aber beim Fußball schnell über „das schlechte SD-Bild von RTL“ aufgeregt haben. Doppelmoral ist überall.

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Aber zurück zum Fußball. Das Spiel läuft, der Kommentator Marco Hagemann hat alles im Griff. Wie immer, wenn er auf Sky Bundesliga oder die Champions-League kommentiert. Ich war da sehr froh, das RTL nicht dem ZDF/ARD Modell folgte und einen Béla Réthy oder einen Thurn und Taxis engagiert hat. Müller müllert in der 18. Min. mit einem schönen Kopfballtor, danach ging es ohne weitere Highlights in die Pause. RTL macht in solchen Momenten naturgemäß Werbung. 132.000 € für 30 Sek. Spots kann man ja auch nicht verachten.

Dann kommt sie, die Halbzeitanalyse. Die dauert auch nur 30 Sek., aber es reicht, um König und Lehmann sagen zu lassen „Ja, tolles Tor von Müller, Deutschland führt verdient“. Werbung. Twitter rebelliert. Aber mal Hand aufs Herz: Mehr gabs dazu auch nicht zu sagen.

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Was war gut?

Technisch war z.B. alles gut, sogar sehr gut. Statt der üblichen 22 HD-Kameras wie beim ZDF setzte RTL ganze 40 HD-Kameras ein. Mehr Perspektiven, schöne Zeitlupen aus vielen Richtungen. Auch die Nachberichte zu den anderen Spielen in Europa waren fehlerfrei und zum größten Teil fachlich gut kommentiert (Bis auf die „Gibraltaner“, die eigentlich „Gibralterer“ heissen) und dass König am Ende noch aus Marco Reus „Marco Reis“ machen musste, war auch unnötig (gute Besserung an dieser Stelle!). Aber sowas passiert in jeder Live-Sendung mal und wer Sky Sport News HD regelmässig guckt, weiss, was ich meine.

Was war schlecht?

Lehmann. Der Mann gehört nicht ins Fernsehen und wenn, sollte er nicht über Fußball reden.

Und dass der arme Jogi mit lauwarmem Espresso die (unnötige) Werbepause überstehen musste, war auch nicht in Ordnung.

Fazit

jogiFür den Versuch eines Privatsenders, sich (wieder) ernsthaft mit Fußball zu befassen, war das überhaupt nicht so schlimm, wie viele sagen. Insgesamt zeigte RTL ab 19.45 Uhr bis zum Schlusspfiff um ca. 22.30 Uhr 26 Minuten Werbung (inklusive Gewinnspiel und Film-Ankündigungen). Wenn man auf  Kabel Eins die Europa-League verfolgt, findet man die gleichen Schwächen und Stärken. Und auch viel Werbung. Bei den Bundesligaspielen auf Sky bekommt man in der Halbzeit übrigens auch mind. 10 min. Werbung um die Ohren gehauen. Obwohl man doch viel Geld dafür bezahlt, einen „Service ohne Werbeunterbrechung“ sehen zu können.
Und glaubt mir, auch da läuft Herpes-Schutz-Werbung.

Wenn Florian König jetzt also mal den F1-Stock aus dem Arsch zieht (und damit am besten gleich Lehmann vom Platz jagt), RTL dauerhaft eine quasselnde Blondine ins Programm stellt und Interviews nicht von Werbung zerstückelt werden, könnte RTL da was reissen. Bitte mehr Witz und Kompetenz. Immerhin hat RTL für 100 Mio. € die Qualifikationsrunden- Rechte bis 2018 erworben.

Ja, das ist bis zur nächsten WM.

Schöne Woche!

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