Fan-Interview: Hannover 96 – Hamburger SV

 „Ein Abstieg wäre beim HSV eine noch größere Wundertüte gewesen als die laufende Saison in Liga eins“ (Sascha)

[GegenpressingMit dem unrühmlichen Abgang von Calhanoglu hat der HSV eine Menge Qualität verloren und das verdiente Geld z.B. in Nicolai Müller investiert. Der ist aber schon lange verletzt. Mit Lewis Holtby wurde ein Spieler geholt, auf dem viele Hoffnungen ruhen. Der hat nun nicht unbedingt eine glorreiche Zeit in England gehabt, ist dort sogar abgestiegen. Glaubst du, das es mit diesen Spielern wieder mehr Torgefahr geben wird, zumal Lasogga ja auch irgendwie nicht mehr trifft?

[AlexanderSportlich ist der Abgang Calhanoglus eine Schwächung, keine Frage. Um mit Müller zu beginnen: Spätestens(!) seit der schweren Verletzung von Beister war die rechte offensive Außenbahn durchgehend provisorisch besetzt. Daran ändert auch nichts, dass gerade Calhanoglu dort vor allem in der Rückrunde gut gespielt hat (Hakan hätte m.E. im zentral-offensiven Bereich noch wertvoller sein können). Ich meine daher, dass Müller als gelernter offensiver Außenbahnspieler eine absolut sinnvolle Verstärkung sein kann, zumal man bei Maxi aufgrund der Länge seiner Ausfallzeit abwarten muss, wie schnell er wieder in Form kommt. Holtby halte ich für einen sehr flexiblen Spieler, der im zentralen Bereich von der 6 über die 8 bis zur 10 alles spielen kann. Zudem erwarte ich mir von ihm mehr Konstanz, Kreativität und Torgefahr als von Arslan. Die Zeit in England, auch wenn sie für ihn persönlich nicht sehr erfolgreich gewesen sein mag, könnte sich für seine Entwicklung noch als durchaus positiv herausstellen, da er dort wichtige Erfahrungen gesammelt hat. Man muss derartige Transfers, da gilt auch für Stieber, Ostrzolek und Cléber, auch als strategische Verpflichtungen sehen.
Schließlich laufen die Verträge u.a. von Jansen, Westermann, Rajkovic, Ilicevic und van der Vaart nächstes Jahr aus. Der Konkurrenzdruck wurde also in fast allen Mannschaftsteilen erhöht, bzw. ein evtl. Nachfolger steht schon in den Startlöchern.Was Lasogga angeht, so ist er verständlicherweise (s.o.) noch nicht in Bestform. Das bereitet mir derzeit noch keine Sorgen.

[SaschaPierre-Michel Lasogga ist noch immer nicht im Vollbesitz seiner körperlichen Kräfte, weil er zu früh wieder auf dem Platz stand. Ich hätte mir zwei, drei Wochen Pause mehr für ihn gewünscht. Aber es wird. Bleibt er dann verletzungsfrei, wird er seine Qualitäten zeigen und in etwa wieder so häufig treffen wie in der vergangenen Saison. Was Hakan Calhanoglu angeht: Ja, er hat Qualität. Aber er spielte auch nicht gerade mannschaftsdienlich. Viel wäre über ihn gelaufen, und der Rest der Mannschaft hätte in die Röhre gesehen. Nun kann sie an ihren Aufgaben wachsen. Darauf freue ich mich. Eventuelle Abstiege oder frühere Verletzungen sind für mich kein Maßstab für die Qualitäten eines Spielers.

[GegenpressingAuch in Hannover gab es sowas wie einen unrühmlichen Abgang. Huszti hat sich direkt nach der Saison Richtung China verabschiedet und spielt dort jetzt regelmässig gegen den Abstieg. Selbstverständlich ging es da auch nur um Geld, denn mit 31 bekommt man nicht mehr viele Chancen auf Top-Fußball (ok, Van der Vaart beim HSV vielleicht :-)). Ist das ein zunehmender Effekt bei Spielern, das ihnen Geld wichtiger als „Der Verein“ ist? Ist das schon Söldnertum oder gehört das noch zur „Rentenabsicherung“? 

[SaschaGeld spielt eine wichtige Rolle, ist doch klar. Sind wir nicht alle Söldner? Wenn mir jemand das Doppelte oder Dreifache bieten würde für denselben Job, nur in einer anderen Firma – ich würde gehen. So ist das und ich finde das in keinster Weise verwerflich. Das war zu Zeiten Uwe Seelers sicher anders. Aber ich fiebere mit dem HSV mit und nicht mit einzelnen Spielern. Die kommen und gehen, der Verein (haha) bleibt.

[AlexanderIm Profifußball geht es für alle Beteiligten um enorme Summen. Mag früher der Begriff Profi nur signalisiert haben, dass da einer sein Geld hauptsächlich mit Fußball verdient, steht er heute auch für eine Professionalisierung auf allen Ebenen. Fast alle haben Berater, praktisch alle durchlaufen eine Schulung im Umgang mit den Medien. Durch Ausrüster oder andere Werbepartner lassen sich neben dem Gehalt enorme Summen erzielen. Es liegt daher nahe, dass Spieler immer früher Karrierepläne aufstellen. Die sentimentale Bindung an einen Verein hat ja auch etwas Irrationales. Warum bspw. beim HSV oder „96“ bleiben, wenn ich andernorts das Doppelte oder gar Dreifache verdiene und zudem noch international spielen kann? Das ist m.E. auch eine Entwicklung, die unsere ganze Gesellschaft betrifft. Schau in die Politik und/oder Wirtschaft! Gestern noch Minister, morgen hochbezahlter Lobbyist. Das Fernsehen suggeriert den Kids: jeder von Euch hat das Zeug zum Superstar, ihr müsst es nur wirklich wollen. (Fast) Alle sind permanent auf der Jagd nach dem Schnäppchen, nach ihrem Vorteil. Die Spieler kommen aus der Mitte dieser Gesellschaft. Warum sollten sie sich anders verhalten? Sind wir nicht, von unserer Fanliebe zu „unserem“ Verein einmal abgesehen, fast alle „Söldner“?

[GegenpressingRelegation. Das erste Mal in der Clubgeschichte stand der HSV ganz knapp vor einem Abstieg und konnte sich mit zwei blassen Unentschieden auf den 16. Platz retten. Großen Anteil an diesem Nichtabstieg haben da sicher auch Nürnberg und Braunschweig gehabt, die auch nicht punkten konnten. Viele sagen, ein Abstieg hätte den HSV „bereinigt“ und sich neu aufstellen lassen. So blieb alles beim alten und das „unabsteigbar“ erhielt neue Nahrung. Ein Abstieg hätte aber auch Millionverluste, Abgänge von Spielern und vielleicht mehrere Jahre 2. Liga bedeutet. Wie stehst Du dazu? Lieber Unterhausluft oder weiter Kellerduft in der 1. Liga?

[AlexanderIch bin heilfroh, dass der HSV am Abstieg vorbeigeschrammt ist. Ich habe ja schon bereits angedeutet, dass eine Durchlässigkeit nach oben, an die Fleischtöpfe, immer schwerer zu erreichen ist. Köln, Kaiserslautern, Nürnberg und viel andere Traditionsvereine mehr zeigen, wie schwer es nach einem Abstieg ist, sich dauerhaft(!) wieder in der 1. Liga zu etablieren. Davon abgesehen – 100 Millionen Euro negatives Eigenkapital hätte der HSV niemals in der 2. Liga abbauen können. Man hätte also massiv einsparen UND gleichzeitig die schnellstmögliche Rückkehr in die Eliteliga anstreben müssen. Das kommt einer Quadratur des Kreises nahe, an der schon andere Verein gescheitert sind. Außerdem bin ich der Auffassung, dass der HSV nun mit Beiersdorfer, Peters (und anderen) endlich, endlich die Kompetenzen im Club hat, die ihm erkennbar in seinem Kerngeschäft Profifußball viel, viel zu lange gefehlt haben.

[SaschaNiemals 2. Liga, niemals, niemals. Bei einem Abstieg hätte es einen komplett neuen Kader gegeben – die Bezüge, die die Spieler kassierten und kassieren, hätten nicht gezahlt werden können. Und: Welcher Spieler mit dem Anspruch, Bundesliga spielen zu wollen, geht schon den schweren Gang nach unten mit? Ein Abstieg wäre beim HSV eine noch größere Wundertüte gewesen als die laufende Saison in Liga eins. Nein, in die 2. Liga darf es nie gehen. Die ominöse Uhr spielt in dieser Überlegung absolut keine Rolle. Mir ist egal, ob es sie gibt oder nicht. Auch wäre es mir wurscht, ob wir schon immer Erstligist waren oder sind. Ja, es ist ein netter Nebeneffekt. Aber an diesem Nebeneffekt haben alle anderen Vereine genauso viel Anteil wie der HSV. Dass Nürnberg und Braunschweig auch nicht gepunktet haben zeigt, wie schwach auch deren Kader waren.

[GegenpressingNochmal Reizthema Kühne. Für mich als Aussenstehenden quatsch er einfach zuviel in die Vereinsführung rein. „Die Macht ist da, wo das Geld ist“, sagt man so schön, aber er ist ja „nur“ ein Geldgeber, wenn auch ein wichtiger zur aktuellen Zeit. Nimmt man da einfach zähneknirschend die Kohle und bedankt sich brav oder muß man Angst haben, das Kühne irgendwann einfach den HSV komplett übernimmt durch Anteile an HSVPlus um dann endlich Magath und ein paar Altstars zu holen?

[AlexanderDiese Gefahr sehe ich derzeit nicht. Ich halte ihn für klug genug, auf den Rat von Fachleuten zu hören. Man wird sicher damit rechnen müssen, dass er sich zu Wort meldet, sollte er den Eindruck haben, dass es überhaupt nicht voran geht. Mein Eindruck ist: Der Mann erwartet eben höchste Professionalität auf allen Ebenen. Dass die in der Vergangenheit in vielen Bereichen beim HSV nicht vorhanden war, dies ließe sich mit zahlreichen Beispielen belegen. Allein wenn man nur an die zahlreichen Personal- und Konzeptwechsel der letzten Jahre im Nachwuchsbereich des HSV denkt – Grundgütiger!

[SaschaSo lange Dietmar Beiersdorfer da ist, wird es keinen Klaus-Michael Kühne geben, der zu viel reinquatscht. Das wurde im Vorfeld der Saison deutlich, als der alte Mann mal wieder vorpreschte (unter anderem mit der Aussage, dass Rafael van der Vaart doch bitte gehen sollte) und dann zurückrudern musste. Inzwischen hält er ja relativ still. Wie gesagt, ein großer Verdienst Beiersdorfers, der beim HSV so wichtig ist wie kaum ein anderer in den vergangenen Jahren.

[GegenpressingDas Duell HSV – H96 hat schon sowas wie Tradition. 52x trafen die Clubs aufeinander. Gegen keinen Verein hat Hannover öfter gespielt und zuletzt sogar mal wieder gewonnen. Ich erinnere mich noch gut an das Spiel zum 125. Geburtstag des HSV am 29.09.2012, als Hannover euch durch ein glückliches 1:0 drei Punkte geschenkt hat (wo warst du da? 🙂 ). Drei Monate später gab es eine 5:1 Retour-Klatsche. In 13 Spielen seit 2008 hat immer die Heimmannschaft gewonnen (bei fünf Unentschieden). Glaubst du, diese Serie hält auch am Sonntag? 🙂

[AlexanderWo ich gewesen bin, weiß ich gerade nicht mehr. Ich habe über die Jahrzehnte so viele Duelle gegen „96“ im Stadion gesehen, dass ich die kaum noch auseinander halten kann. Gefühlt hatte ich zuletzt immer vor dem Spiel gegen Euch den Eindruck, für uns gibt wieder ordentlich auf ’s Maul. Ich will vor allem eine Mannschaft des HSV sehen, der man jederzeit den absoluten Willen ansieht. Und ich bin optimistisch, dass dies auch der Fall sein wird. Ob das dann für einen Auswärtssieg reicht, warte ich einfach ab.

[SaschaNatürlich nicht! Ich glaube immer an einen Erfolg unseres HSV, und so auch diesmal. Natürlich kann sich das nach wenigen Minuten ändern, je nachdem, ob wir wieder mal ein frühes Tor kassiert haben etc. Wo ich war, als der große HSV den kleinen HSV 1:0 geschlagen hat, weiß ich nicht mehr. Denkst Du, ich kann mich an jedes Spiel gegen unwichtige Gegner erinnern? 😉

[GegenpressingVielen Dank für das Interview. Gefunden habe ich dich dank der Mithilfe von netten Hamburgern bzw. Fans auf Twitter. Wo findet man dich noch? Blog? Zeitung?

[SaschaTwitter ist ja schonmal ein gutes Stichwort. Da gibt’s mich unter @rebiger. Ansonsten blogge ich unter einhundertvierzigplus.wordpress.com, natürlich über den HSV. Und auf www.meinsportradio.de kann man meine liebliche Stimme hören.

[Alexander] Ich betreibe das Blog VIERTERMANN.COM. Weit überwiegend beschäftige ich mich dort mit dem HSV, ganz gelegentlich aber auch mit dem FC St. Pauli (Ich habe da keine Berührungsängste.). Mich interessieren neben taktischen Überlegungen besonders wettkampfpsychologische Fragestellungen. Daher lassen sich in meinen Blogeinträgen immer wieder entsprechende Anmerkungen oder ganze Artikel zu Themen wie „Flow“ oder „Mentales Training“ u.ä. finden. Gelegentlich kann man auf MEIN-SPORTRADIO.DE hören, wie ich mich dort im wöchentlichen HSV-Talk als Gast um Kopf und Kragen rede. Ach, und dann findet man mich auch bei Twitter („@TrapperSeitenb“) oder Facebook („Trapper.Doc.Seitenberg“).

[GegenpressingDer obligatorische Ergebnis-Tipp für Sonntag bitte 🙂

[AlexanderIch hoffe auf ein 2:1 für uns. Danach wünsche ich dem „kleinen“ HSV nur das Beste.

[SaschaWir werden endlich ins Tor treffen. Zweimal! Der HSV siegt deshalb 2:1.

(Das Interview führte Andreas [Gegenpressing] per eMail am 07/09..09.2014)

Ein Kommentar zu Fan-Interview: Hannover 96 – Hamburger SV

  • Alexander  meint:

    Es muss natürlich heißen: „Ob dass dann für einen Auswärtssieg reicht…“

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