Fan-Interview: Hannover 96 – Hamburger SV

Spieltag 3 – Hannover 96 – Hamburger SV

beitrag-h96-hsv-1Hannover bekommt einen Gast zum 3. Spieltag, der eigentlich immer gerne gesehen ist. Fanfreundschaften und langjährige Begegnungen mit einem fast ausgeglichenen Ergebnis nach 52 Spielen. Es gibt keine Randale, Hannoveraner und Hamburger feiern hinterher immer, egal wer gewonnen hat. Seit einiger Zeit macht sich aber ein gewisses Konkurrenzdenken breit. Hannover steht besser in den UEFA-Wertungen und mittlerweile auch regelmässig in der Tabelle, wenn es um Nordclubs und speziell den HSV geht. Weniger Unruhe im Verein, ein vielversprechender Trainer, sportliche Erfolge prägen den Weg von Hannover 96 seit Monaten. Saisonübergreifend acht Pflichtspiele nicht verloren, erfolgreiche Vorbereitung absolviert, ins Mannschaftsgefüge eingepasste Spieler gekauft. Das ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was gerade in Hamburg läuft. Alle Hoffnungen ruhen scheinbar auf Dietmar Beiersdorfer. Ich hatte brennende Fragen und bekam noch brennendere Antworten …

Der aktuelle Vergleich dieser Begegnung

h96-hsv-2014-stats

(Quelle: Bundesliga.de)

Ich habe mir erlaubt, ein paar mehr oder weniger kritische Fragen zu stellen und dieses Mal haben wir sogar gleich zwei Antworten zu lesen, den es ist Premiere eines Doppel-Interviews mit zwei Bloggern, die sich mit dem Hamburger SV beschäftigen. Blogger unter sich bedeutet auch: Ihr braucht Zeit zum lesen 🙂

 „Profifußball ist, ob uns das gefällt oder nicht, ein hoch komplexes, äußerst riskantes, globales Geschäft geworden, dessen Führung man in meinen Augen nicht mehr ehrenamtlichen Amateuren vor Ort überlassen darf …“ (Alexander)

[GegenpressingUmbruch in Hannover, Abbruch in Hamburg. Während das in Hannover zu gelingen scheint, versucht man in Hamburg den kompletten Austausch der Mannschaft incl. Teile der Führungsebene. Dank Kühne-Kohle und Beiersdorfer-Sympathie sind viele neue Spieler in Hamburg, die – jeder für sich – Qualität haben. Reicht das deiner Meinung nach aus, um eine erneute Zittersaison zu vermeiden, oder fehlt da noch sowas wie „Zusammenhalt“ und Teamgeist“?

[AlexanderBeim HSV ist es mit dem alten Kader trotz diverser Trainerwechsel nicht gelungen, ein stabiles Spielsystem zu entwickeln. Im Gegenteil! Es ging sportlich immer weiter bergab. Am Ende stand der äußerst glückliche Klassenerhalt in der Relegation. Selbst dort konnte man nicht einmal gegen Fürth gewinnen und rettete die Klasse letztlich nur aufgrund eines Auswärtstores. Das allein begründete schon den Verdacht, dass nicht nur die sportliche Leitung für diesen Niedergang verantwortlich sein konnte.
Schauen wir uns einige Zahlen der letzten Saison an! Für die Defensiv waren katastrophale 75 Gegentore und eine ungenügende Zweikampfbilanz im defensiven Mittelfeld zu notieren. In der Offensive konnte man nur 51 Tore selbst erzielen, von denen 31, also 61 %, auf nur drei Spieler entfielen (Lasogga, Calhanoglu, van der Vaart). Und Calhanoglu hat den Verein bekanntlich inzwischen Richtung Leverkusen verlassen. Da musste man schlussfolgern, dass es nicht nur an den läuferischen Defiziten gelegen hat, sondern dass es dem Kader grundsätzlich auch an Qualität mangelte. Vor allem die zentrale Achse über Badelj und Arslan hat, allen Trainerwechseln zum Trotz, kaum funktioniert. Weder wurde von dort die Abwehr ausreichend verstärkt und entlastet, noch wurde dort im ausreichenden Maße Torgefahr kreiert, wie man an selbst erzielten Toren und Assists ablesen konnte. Zusammengerechnet kamen aus dem zentralen Mittelfeld kümmerliche zwei Tore und nur vier Vorlagen – das war, wie auch die bereits angesprochene Zweikampfbilanz, eindeutig zu wenig. Dann war m.E. ein weiterer Aspekt zu bewerten: Adler, Westermann, Badelj, van der Vaart – das sind grundsätzlich gute, erfahrene Spieler, die sicherlich dabei helfen können, die Mannschaft zu führen, aber die hatten jeder für sich ihre eigenen Probleme. Aus all dem begründete sich die Notwendigkeit, den Kader umfassend umzubauen und ihm neues „Blut“zuzuführen.
Was Teamgeist und Zusammenhalt angeht, so meine ich, dass beides wesentlich von Erfolg oder Misserfolg abhängig ist. Wichtig erscheint mir, dass die neuen Spieler die Lauf- und Passwege ihrer Kollegen möglichst schnell kennenlernen und dass sich eine neue Hierarchie herausbildet. Hier ist der HSV, wenn mich nicht alles täuscht, nach der Verpflichtung von Behrami und Holtby nun besser aufgestellt. Beide verfügen über einige Erfahrung und wirken auf mich auf dem Platz extrovertierter als Badelj und Arslan, d.h. sie geben mehr Hinweise und Kommandos. Zudem sind sie, auch das darf man als Bürde nicht unterschätzen, nicht durch die Misserfolgsserie der vergangenen Spielzeit vorbelastet.

[SaschaZunächst einmal sind die neue Spieler ja nicht nur dank des Geldes von Klaus-Michael Kühne da. Kühne hat ein vorhandenes Darlehen um 17 Millionen Euro ausgeweitet, aber allein durch die Verkäufe Calhanoglu (14,5 Mio. Euro), Badelj (4,5), Aogo (1,9), Skjelbred (1,3), Mancienne (1,3) und Lam (0,2) nahm der HSV ja schon 23,7 Millionen Euro ein. Dem stehen Ausgaben von 26,8 Millionen Euro für neue Spieler gegenüber. Ein Minus vom 3,1 Millionen Euro also ohne Herrn Kühne. Das ist überschaubar. Was Dietmar Beiersdorfer angeht: Er ist sympathisch, ohne Frage. Aber ich glaube, er hat die Spieler eher durch seinen Plan überzeugt, den er mit dem HSV verfolgt. (Und Geld, versteht sich.) In meinem Blog habe ich den HSV auf Platz 15 getippt. Danach kamen zwar noch Holtby und Green, aber bislang haben wir auch noch kein Tor geschossen. Ich bleibe zunächst bei dieser Prognose.

[GegenpressingHSVPlus, KgaA. Hamburg und Hannover gehen den Weg über Sponsorengelder, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Hannover hat seit Jahren dieses Modell und der Präsident sammelt fleissig Sponsorengelder, ist Schuldenfrei. In Hamburg wurde HSVPlus mit großer Mehrheit verabschiedet, damit es finanziell mit dem Verein aufwärts geht. Viele Traditions-Fans in beiden Städten befürchten nun den „Ausverkauf“ des Vereins, wenn Sponsoren über Transfers usw. mitbestimmen können. Was hälst Du von solchen Modellen, die ja z.B. mit Wolfsburg, Hoffenheim und Leverkusen scheinbar funktionieren?

[SaschaSo bitter es einigen Fans auch aufstoßen mag: Solche Modelle sind die Zukunft. Ich war nie ein absoluter Befürworter von HSVplus, möchte aber auch nicht, dass der Klub weiter in den Niederungen der Liga vor sich hin dümpelt. Es musste etwas passieren. Ich für meinen Teil möchte als Fan und als Mitglied im übrigen gar nicht so viel mitbestimmen. Bei den Zahlen, mit den jongliert wird, lasse ich das lieber Leute machen, die etwas davon verstehen. Ich gehe übrigens nicht davon aus, dass überall Sponsoren über Transfers mitbestimmen. Das mag für Leipzig gelten, ja. Aber bei den Bayern? In Leverkusen? In Hoffenheim. Das sehe ich nicht.

[AlexanderMan muss hier zwei Problemfelder sehen. Erstens: Die Existenz von Wettbewerbern, die am Tropf von Konzernen oder Einzelpersonen hängen. Ich differenziere hier zwischen Leverkusen, Wolfsburg und RB Leipzig einerseits und der TSG Hoffenheim andererseits. Die drei Erstgenannten sind in meinen Augen vor allem – bei allem Respekt vor der jeweiligen sportlichen Führung! – mehr oder minder – Marketingvehikel für die Konzerne, bzw. deren Produkte, was ich kritisch sehe. Die TSG Hoffenheim hingegen verdankt ihren Aufstieg zweifellos Herrn Hopp. Dem geht es aber meines Erachtens tatsächlich darum, mit einem Teil seines Vermögens etwas sportlich Nachhaltiges in seiner Heimatregion zu entwickeln. Daher beobachte ich die TSG wohlwollender.
Ein weiteres, immer drängender werdendes Problem ist der eklatante Wettbewerbsvorteil, den die regelmäßigen CL-Teilnehmer durch die Ungleichverteilung der Gelder (im Vergleich zur EL) genießen. Hier öffnet sich die Schere im nationalen Wettbewerb Bundesliga jedes Jahr ein Stück weiter. Beides ist Teil der Realität, mit der sich ein traditionell als e.V. geführter Verein auseinandersetzen muss. Darauf muss man strukturelle Antworten finden, will man nicht sehenden Auges immer weiter zurückfallen. Profifußball ist, ob uns das gefällt oder nicht, ein hoch komplexes, äußerst riskantes, globales Geschäft geworden, dessen Führung man in meinen Augen nicht mehr ehrenamtlichen Amateuren vor Ort überlassen darf, weil sie dafür einfach nicht ausreichend qualifiziert sind. Die Einbindung von s.g. Strategischen Partnern mag, man sieht das in Hamburg an der Unruhe, die durch die Interviews von Herrn Kühne entstand, durchaus problematisch sein. Wenn man das aber grundsätzlich ablehnt, dann stellt sich eben auch die Frage, wie ein noch vor Kurzem an der Grenze zur völligen Überschuldung operierender Verein wie der HSV jemals wieder wettbewerbsfähig werden soll. Allein mit einem glücklichem Händchen bei Transfers oder über eine prinzipiell erst noch zu erreichende Teilnahme an der EL ist das m.E. bei der Geschwindigkeit, mit der sich die angesprochene Schere beständig weiter öffnet, nicht mehr möglich. Entschieden ablehnen würde ich ein Modell wie z.B. beim VfL Wolfsburg, wo eindeutig VW das Sagen hat.

[GegenpressingDiese Kommerzialisierung stößt der Fanszene ziemlich auf. In Hamburg und auch in Hannover haben sich Teile der Szene unter anderem deshalb aus dem Stadion zurück gezogen. Der Support wird leiser oder verstummt gar ganz wie in Hannover. Während das ausbleiben des Supports in Hannover scheinbar keine negativen Auswirkungen auf die Mannschaft hat, ist das Publikum in Hamburg (mit recht?) doch sehr aufgebracht. Überträgt sich in Hamburg die negative Stimmung auf die sichtlich nervöse Mannschaft, oder hat das mit dem Support nichts zu tun?

[AlexanderDie Reaktionen des Publikums ist von enormer Bedeutung. Es ist für die Mannschaft des HSV ganz sicher nicht hilfreich, wenn das Publikum weitestgehend den Support einstellt oder gar zu pfeifen beginnt. Andererseits muss man auch feststellen, dass der Verein seit Jahren hohe und höchste Preise für die Eintrittskarten verlangt, ohne dass die Mannschaft das auch nur annähernd durch entsprechende Leistung „zurückzahlen“ konnte. Ich habe daher absolut Verständnis dafür, wenn die Geduld des Publikums zur Neige geht. Viel zu oft wurden vor den Partien durch Spieler und die sportliche Leitung große Töne gespuckt und entsprechende Erwartungen geweckt, ohne dass diese dann anschließend auch nur annähernd erfüllt werden konnten. Ich glaube, dass die Mehrheit in Hamburg Niederlagen akzeptieren würde, wenn der unbedingte Einsatzwille erkennbar ist UND sich eine gewisse spielerische Entwicklung abzeichnen würde. Beides war seit vielen Monaten leider nicht der Fall.

[SaschaDie Ultras haben sich für diesen Weg entschieden, und das ist zu respektieren. Dass die Mannschaft nervös ist und Fehler – viele Fehler – macht, schiebe ich aber nicht auf den nun fehlenden Support. Ich gehe davon aus, dass die Spieler eher die vergangene Saison im Hinterkopf haben und dadurch zu viel denken, statt sich auf ihr Gefühl und ihre Erfahrung zu verlassen. Ihnen fehlt Selbstvertrauen.

[GegenpressingDie Entlassung von Slomka im Dezember 2013 und damit die Verpflichtung von Korkut scheint sich für Hannover als Glücksfall abzuzeichnen. Die Verpflichtung von Slomka im Februar 2014 schien sich widerum für den HSV als Glücksfall herauszustellen. Aber die Erfolge bleiben aus. In Hannover war man schon im Sommer 2013 gespaltener Meinung zum Erfolgstrainer, weil die Mannschaft keine mehr war und immer schlechter wurde.  In Hamburg scheint er auch nicht mehr sicher im Cheftrainer-Sessel zu sitzen, wenn man Kühne so reden hört. Hast Du noch Vertrauen in den Trainer oder steht demnächst eine Entlassung an ohne baldige Erfolge?

[SaschaUm es mal in dieser Deutlichkeit zu sagen: Ich halte die Verpflichtung Mirko Slomkas keinesfalls für einen Glücksfall und würde mich freuen, wenn er ginge. Und ich bin beileibe kein Freund vorschneller Trainerentlassungen. Ich habe für meine Meinung gute Gründe, die sich – es klingt so hochgestochen – in Gesprächen mit Insidern herauskristallisiert haben. Insofern muss ich schon fast auf Niederlagen hoffen, damit Beiersdorfer handeln kann.

[AlexanderHerr Kühne hat ein Recht auf seine Meinung. Problematisch finde ich daher nicht seine Meinung, problematisch finde ich, dass seine Meinungsäußerungen natürlich sofort von den Medien aufgegriffen werden. Damit wird Unruhe im Umfeld des Clubs erzeugt. Das erleichtert den Verantwortlichen mit Sicherheit nicht die Arbeit. Man muss m.E. sehen, dass läuferische Defizite nur eine von zahlreichen Schwächen der letzten Saison darstellten (s.o.). Cléber, Holtby und Green kamen auf den letzten Drücker. Weder Müller noch Beister standen verletzungsbedingt für die rechte Außenbahn bisher zur Verfügung. Auch Stieber war zwischenzeitlich verletzt. Lasogga hat den größten Teil der  Vorbereitung ebenfalls verletzt verpasst. Dass Slomka sich zunächst für Jansen und gegen Ostrzolek entschieden hat, wird man ihm zubilligen müssen. Es stand also bisher mit Ausnahme von Behrami das Personal der schlimmen Vorsaison auf dem Platz. Ob Slomka in Hamburg eine Zukunft hat, hängt maßgeblich davon ab, wie schnell sich die neuen Spieler integrieren (lassen). Beiersdorfer hat damals mit der Entlassung von Doll bis auf den letzten Drücker gewartet. Er ist auch deswegen unverdächtig, vorschnelle Entscheidungen zu treffen. Wenn sich nicht gerade leidenschaftslose Auftritte wie gegen Paderborn wiederholen, dann rechne ich zumindest bis zur Winterpause nicht mit einem Trainerwechsel.

weiter gehts auf der nächsten Seite …

  

Ein Kommentar zu Fan-Interview: Hannover 96 – Hamburger SV

  • Alexander  meint:

    Es muss natürlich heißen: „Ob dass dann für einen Auswärtssieg reicht…“

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